Paternosteraufzüge gehören zu den ungewöhnlichsten Aufzugssystemen, die je gebaut wurden. Mehrere offene Kabinen bewegen sich dauerhaft im Umlauf: ohne Halt, ohne Türen. Der Einstieg erfolgt während der Fahrt. Das wirft viele Fragen auf: Wie sicher ist das? Warum sind solche Anlagen kaum noch in Betrieb? Und darf man überhaupt noch mitfahren?
In diesem Beitrag finden Sie alle Antworten: von der Technik über rechtliche Vorgaben bis zu den wenigen Gebäuden, in denen Paternoster heute noch genutzt werden.
Was ist ein Paternoster und woher kommt der Name?
Ein Paternosteraufzug ist ein sogenannter Umlaufaufzug. Er besteht aus mehreren offenen Kabinen, die sich dauerhaft auf zwei parallelen Ketten im Kreis bewegen. Eine Seite fährt nach oben, die andere nach unten. Die Kabinen fahren dabei langsam und gleichmäßig, sodass Menschen während der Fahrt sicher ein- und aussteigen können. Einen festen Haltepunkt gibt es nicht.
Die Bezeichnung „Paternoster“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Vater unser“. Gemeint ist damit das gleichnamige Gebet aus dem Rosenkranz. Dieser besteht aus einer Kette mit kleinen und großen Perlen. Genau wie beim Paternosteraufzug sind die Elemente, in diesem Fall die Kabinen, in einer festen Abfolge aneinandergereiht und bewegen sich wie auf einer Schnur.
Die ersten Paternoster wurden im 19. Jahrhundert gebaut. Ursprünglich nutzte man sie in Postämtern oder Industriegebäuden zum Transport von Lasten. Ab den 1880er-Jahren kamen zunächst in England und wenig später auch in Hamburg erste Anlagen für Personen hinzu. In historischen Gebäuden sind Paternoster bis heute in Betrieb, zum Beispiel in Rathäusern, Ministerien oder Verwaltungsbauten. Viele der heute noch in Betrieb befindlichen Paternoster stammen aus dieser Zeit oder wurden in der Nachkriegszeit gebaut.

Die wichtigsten Merkmale des Paternosteraufzugs
- Dauerhafte Bewegung in zwei Richtungen
- Mehrere offene Kabinen für ein bis zwei Personen
- Kein Halt: Ein- und Ausstieg während der Fahrt
- Ursprung des Namens: Ähnlichkeit zum Rosenkranz
- Erste Anlagen ab 1876, Personenbetrieb ab 1884
Wie funktioniert ein Paternosteraufzug technisch?
Ein Paternosteraufzug arbeitet nach dem Umlaufprinzip (auch Paternoster-Prinzip). Dabei bewegen sich mehrere Kabinen gleichzeitig an zwei durchgehenden Ketten: Eine fährt aufwärts, die andere abwärts. Der gesamte Mechanismus läuft dauerhaft, die Kabinen halten nicht an.
Im Inneren besteht die Anlage aus einem stabilen Rahmen mit zwei senkrechten Schächten. Die Kabinen sind an stabilen Ketten befestigt, die über große Räder an den oberen und unteren Wendepunkten geführt werden. Diese Räder lenken die Kabinen auf die jeweils andere Seite um, sodass sie immer weiter zirkulieren. Dabei bleiben die Kabinen selbst in der Kurve stets aufrecht.
Paternosteraufzüge sind einfach konstruiert, benötigen aber präzise Abstimmung der Mechanik. Die Steuerung ist rein mechanisch, ohne aufwendige Elektronik. Dennoch sind regelmäßige Aufzugswartung und Sicherheitsprüfungen enorm wichtig.
Paternosteraufzug – Funktionsweise:
- Antrieb: Elektromotor mit Getriebe, meist im oberen Bereich installiert
- Förderketten: Zwei endlose Rollketten aus Stahl
- Wendepunkte: Oben und unten je ein Umlenkmechanismus mit Scheibenrädern
- Kabinen: Für eine oder zwei Personen, ohne Türen, mit Haltegriffen
- Führung: Schienen und Bolzen halten die Kabinen in Position
- Geschwindigkeit: ca. 0,2 bis 0,45 m/s, genug für einen sicheren Einstieg
- Förderhöhe: Häufig zwischen 3 und 20 Etagen
Wo sind Paternosteraufzüge in Deutschland heute noch in Betrieb?
Obwohl viele Paternoster stillgelegt oder nur noch intern genutzt werden, gibt es in Deutschland noch einige öffentlich zugängliche Exemplare, meist in Rathäusern oder historischen Gebäuden. Wer selbst mitfahren möchte, hat hier die Chance:
- Rathaus Stuttgart: Drei Paternoster im Marktplatzflügel, Altbau und in der Rathauspassage. Nutzung werktags zu den Öffnungszeiten ohne Anmeldung möglich.
- Literaturhaus Stuttgart: Zugang öffentlich, das Gebäude beherbergt neben Veranstaltungsräumen auch einen funktionierenden Paternoster.
- Rathaus Chemnitz: Der Paternoster ist nach einer Pause wieder in Betrieb und kann während der Öffnungszeiten genutzt werden.
- Bürohaus Franz-Mehring-Platz 1, Berlin: Sitz der taz und anderer Organisationen: öffentlich zugänglich, werktags meist von 9 bis 18 Uhr nutzbar.
- Rathaus Oberhausen (Alt-Oberhausen & Sterkrade): Gleich mehrere Paternoster stehen Besuchern in beiden Verwaltungsgebäuden der Stadt offen.
- Neues Rathaus Leipzig: Die Anlage ist betriebsbereit, darf jedoch offiziell nur von Rathausangestellten genutzt werden, manchmal mit Ausnahme bei Führungen.
Vor- und Nachteile im praktischen Betrieb
Paternosteraufzüge sind eine ungewöhnliche Form der Personenbeförderung, die viele Vorteile mit sich bringen, aber auch klare Grenzen hat. Der wohl größte Pluspunkt liegt im ständigen Umlauf. Fahrgäste müssen nicht warten und können direkt ein- und aussteigen, wenn eine Kabine vorbeikommt. Das spart Zeit, vor allem bei kurzen Strecken über wenige Etagen.
Gleichzeitig ist die Förderleistung im Verhältnis zur Baugröße sehr hoch. Wer zum Beispiel nur vom dritten in den vierten Stock möchte, ist oft schneller am Ziel als mit einem klassischen Aufzug.
Auf der anderen Seite ist der Paternoster als Aufzug für viele Menschen nicht nutzbar. Es gibt keine Barrierefreiheit. Rollstühle, Gehhilfen oder Kinderwagen können nicht befördert werden. Auch der Transport von Lasten ist ausgeschlossen. Zudem verlangt der Einstieg volle Aufmerksamkeit, denn der Aufzug hält nicht an. Gerade ungeübte Nutzer empfinden das als herausfordernd.
| Vorteile | Nachteile |
| Kein Warten, da Kabinen ständig umlaufen | Sicherheit deutlich geringer als herkömmliche Aufzüge |
| Hohe Beförderungsfrequenz | Keine Nutzung mit Rollstuhl oder Gehhilfen möglich |
| Schneller Wechsel zwischen benachbarten Etagen | Kein Transport von Gegenständen erlaubt |
| Geringer Platzbedarf im Vergleich zu mehreren Einzelaufzügen | Erhöhter Geräuschpegel im Dauerbetrieb |
Rechtliche Regelungen und Sicherheitsfragen in Deutschland
In Deutschland dürfen seit 1974 keine neuen Paternoster mehr eingebaut werden. Der Weiterbetrieb bestehender Anlagen ist unter klaren Bedingungen aber erlaubt. Wichtig ist, dass alle technischen und organisatorischen Maßnahmen getroffen werden, um die Sicherheit der Nutzer zu schützen.
Die rechtliche Grundlage bildet die Betriebssicherheitsverordnung. Betreiber müssen dafür sorgen, dass der Paternoster-Lift technisch einwandfrei funktioniert und keine Gefahr für Personen besteht. Dazu zählen auch regelmäßige Wartungen sowie konkrete Maßnahmen zur Risikominimierung.
Typische Sicherheitsmaßnahmen beim Weiterbetrieb:
- Ampelsysteme zeigen an, wann ein- oder ausgestiegen werden darf
- Lichtschranken stoppen die Anlage bei falschem Verhalten
- Klappbare Schürzen verhindern ein Einklemmen an den Etagen
- Warnschilder und Aufklärungsplakate erläutern das sichere Verhalten
- Schulungen für Beschäftigte, zum Beispiel in Behörden oder Universitäten
In Einzelfällen ist zusätzlich ein sogenannter „Paternoster-Führerschein“ im Einsatz. Diese Maßnahme hat sich etwa in Universitätsgebäuden mit vielen Erstnutzern bewährt, wurde später aber wieder durch einfache Hinweisschilder ersetzt.
Wichtig ist auch der Brandschutz. Da Paternosteraufzüge keine geschlossenen Aufzugstüren haben, können Rauch und Feuer sich schneller ausbreiten. Neue Brandschutzkonzepte oder der Austausch durch geschlossene Aufzugsanlagen sind deshalb in vielen Gebäuden heute Standard.
Einsatzbereiche gestern und heute und wie es weitergehen könnte
Der Paternosteraufzug war über Jahrzehnte ein vertrauter Anblick in deutschen Behörden, Gerichten oder Verwaltungseinrichtungen. Die Technik lief im Dauerbetrieb, der Ein- und Ausstieg war jederzeit möglich. In der Nachkriegszeit galt der Paternoster vielerorts sogar als Symbol für Fortschritt. Heute ist er ein Stück Bau- und Technikgeschichte.
Aktuell sind in Deutschland noch rund 200 bis 250 Paternoster in Betrieb. Meist in denkmalgeschützten Gebäuden wie dem Rathaus Schöneberg in Berlin oder dem Haus der Industrie in Wien. Auch das Detlev-Rohwedder-Haus, Sitz des Bundesfinanzministeriums, besitzt noch einen funktionierenden Umlaufaufzug.
Doch der Betrieb ist streng geregelt. Neue Anlagen dürfen seit 1974 nicht mehr in Betrieb genommen werden. Wo Paternoster heute noch fahren:
- Verwaltungsgebäude mit Bestandsschutz
- Denkmalgeschützte Kontorhäuser
- Industrieanlagen mit internem Betrieb
- Einzelne Hochschulen und Museen
Fazit: Der Paternosteraufzug als technisches Unikat
Ein Paternoster ist einzigartig: technisch wie kulturell. Er bewegt sich ohne Halt, befördert Menschen im ständigen Umlauf und prägt noch heute das Erscheinungsbild vieler Altbauten. Seine Kabinen fahren ohne Türen, seine Mechanik erinnert an eine Kette von Gebetsperlen. Der Name „Paternoster“ stammt nicht ohne Grund vom lateinischen „Vater unser“.
Doch die Zeit dieser besonderen Aufzüge neigt sich dem Ende. Heutzutage ist der Paternoster kaum mit den Vorgaben zu Barrierefreiheit, Brandschutz und Sicherheit vereinbar. Auch eine Modernisierung stößt oft an bauliche und rechtliche Grenzen. Trotzdem bleiben viele der bestehenden Anlagen als technische Denkmäler oder alltägliche Raritäten mit Sondergenehmigung erhalten.
GüDe denkt weiter:
Wo ein Paternoster nicht mehr betrieben werden kann, helfen wir, neue Perspektiven zu schaffen, etwa durch den Einbau eines sicheren Personenaufzugs, der zum Gebäude passt. Dabei achten wir auf Wirtschaftlichkeit, eine umfangreiche Beratung und eine einwandfreie Umsetzung.
Paternosteraufzug – Häufige Fragen und Antworten
Wie gefährlich ist ein Paternosteraufzug wirklich?
Paternosteraufzüge gelten als sicher, wenn sie regelmäßig gewartet und sachgerecht genutzt werden. Die meisten Unfälle passieren durch Unachtsamkeit beim Ein- oder Ausstieg. Sicherheitsmaßnahmen wie Lichtschranken, Hinweisschilder und Ampelsysteme helfen, diese Risiken zu senken.
Warum werden keine neuen Paternoster mehr gebaut?
Seit 1974 ist der Neubau von Paternosteraufzügen in Deutschland verboten, da sie mehrere Vorgaben zur Barrierefreiheit und Brandschutz nicht erfüllen. Bestehende Anlagen dürfen aber weiter betrieben werden, wenn sie sicherheitstechnisch nachgerüstet sind und regelmäßig geprüft werden.
Darf ich heute noch mit einem Paternoster fahren?
Ja, das ist weiterhin erlaubt. Zwar schreiben Betreiber teils vor, dass nur eingewiesene Personen den Aufzug nutzen dürfen, doch es gibt noch zahlreiche öffentlich zugängliche Paternoster, etwa in Behörden, Universitäten oder Verwaltungsgebäuden. Wichtig ist, dass vor Ort gut sichtbare Sicherheitshinweise angebracht sind.
Wie schnell fährt ein Paternosteraufzug?
Ein Paternoster bewegt sich mit etwa 0,2 bis 0,45 Metern pro Sekunde. Damit ist er langsamer als klassische Aufzüge, ermöglicht jedoch durch seine ständige Verfügbarkeit oft einen schnelleren Wechsel zwischen Etagen.
